Wenn der Jäger in die Hundeschule kommt…

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Beutefangverhalten muss ein Terrier nicht erst lernen, er trägt es genetisch verankert in sich.

Der Anspruch an einen Jagdgebrauchshund ist heute hoch: Im Revier und auf der Jagd soll er führig und immer einsatzbereit sein; Wildschärfe, Jagdinstinkt und rassetypische Anlagen werden vorausgesetzt. Zuhause erwartet man außerdem den idealen Familienhund, der die Zwergkaninchen der Kinder in Ruhe lässt und treuer Begleiter in jeder Situation ist. Diese und weitere Faktoren erfordern nicht nur eine gründliche jagdliche Ausbildung, sondern bedingen auch einen alltagskompatiblen Hund. Jagdhundeausbilderin Monika Schroedter und Hundetrainerin Nadin Matthews zeigen in ihrem Seminar, was ein Jagdhund können muss und wie ein kompetenter Hundetrainer dabei helfen kann.

Ein Jagdhund ist auch nur ein Hund

Grundsätzlich ist ein Hund zuerst einmal ein Hund, ganz egal ob Jagd-, Hüte-, oder Herdenschutzhund. Aus diesem Grund gibt es auch bestimmte Dinge, die jeder Hund lernen bzw. erfahren sollte. Der Sozialkontakt zu andern Hunden ist beispielsweise eine Grundvoraussetzung dafür, dass aus einem Welpen einmal ein verträglicher und psychisch gesunder Hund wird. Lernt dieser nicht, sich sozial angemessen zu verhalten, wird es früher oder später zu Problemen kommen. Bedenkt man, dass Unverträglichkeit mit Artgenossen für einen Jagdhund z.B. das Ausschlusskriterium für eine Gesellschaftsjagd bedeuten kann, ist Vorsorge hier sicherlich angebracht. Der Besuch einer gut geführten Welpengruppe wäre eine solche Vorsorge-Maßnahme. Hier lernt der Hund neben adäquatem Sozialverhalten bereits die Anfänge der Leinenführigkeit, das Aushalten des „noch-nicht-dran-seins“ und wie man sich beim Tierarzt richtig verhält. Gerade diese „Basics“ sind für alle Hunde, den Jagdhund eingeschlossen, unerlässlich. Nicht nur im Alltag, sondern auch im Jagdbetrieb, ist ein leinenführiger Hund wichtig, ja sogar notwendig. Die Teilnahme an einer Treibjagd ist sonst spätestens dann passé, wenn der Hund mit all seiner Körperkraft in die Leine springt, in alle Himmelrichtungen zieht und zerrt (siehe Kasten) und sich insgesamt betrachtet, kein Stück an seinem Menschen orientiert. „Hat der Hund nicht gelernt, sich im Nahbereich an seinem Menschen zu orientieren, wird er es auf Distanz erst recht nicht machen. Wer diese, gerade auch im Jagdbetrieb notwendige Orientierung bereits im Welpenalter herstellt, erspart sich mühevolles Training im Nachhinein. Was das genau bedeutet, ist immer eine Einzelfallentscheidung“, sagt Nadin Matthews, die Hundebesitzern klar und deutlich vermittelt, worauf es schon bei einem jungen Hund ankommt.

Frust ertragen können

Trotz der vielen Gemeinsamkeiten, die alle Hunde lernen müssen, gibt es dennoch Dinge, die gerade bei einem Jagdhund bzw. bei einem Jagdhundwelpen anders gemacht werden sollten, als bei einem anderen Hund. Viel intensiver muss der Jagdhund z.B. lernen, Frust zu ertragen. Für die später gewünschte Standruhe ist das unerlässlich. „Ich erlebe es immer wieder, dass Jagdhunde nervös sind, fiepen, jaulen oder kläffen, z.B. beim Anblick von Wild oder bei der Entenjagd. Hat der Hund den Jagderfolg durch seine Standunruhe beim ersten Mal zunichte gemacht, bleibt er das nächste Mal im Auto. Ist er dort auch unruhig oder beschädigt das Auto sobald er Schüsse hört, bleibt er danach erstmal zuhause – weniger ist manchmal mehr. Denn: solche Untugenden können einen Jagdhund unbrauchbar machen“, beschreibt Monika Schroedter das Problem. Damit es gar nicht so weit kommt, kann der Hundeführer viel tun. Sinnvoll ist u.a. eine rechtzeitige Gewöhnung an das Auto, was im Idealfall vom Züchter schon gut vorbereitet wurde. Wichtig ist dabei, dass nicht jede Autofahrt im Revier endet.

Hat der Hund erst gelernt, dass am Ende einer jeden Autofahrt ein Reviergang oder ein spannender Spaziergang steht, wird er zwangsläufig früher oder später bereits dann fiepen, heulen oder bellen, wenn sich die Kofferraumklappe nur öffnet. Die Einkaufstour mit dem Hund im Kofferraum ist daher ein empfehlenswertes Trainingselement. Mindestens genau so wichtig und außerdem eine Lebensversicherung ist es, wenn der Hund lernt, dass „Kofferraumklappe auf“, nicht gleichbedeutend mit „raus aus dem Auto“ ist. „Der Hund hat so lange im Auto zu bleiben, bis er von seinem Besitzer die Aufforderung bekommt, heraus zu kommen. Hat er das Kommando „Bleib“ zuverlässig gelernt, wird er es auch im Rahmen des Autotrainings akzeptieren. Wenn nicht, darf die Kofferraumklappe auch einfach mal zufallen, sobald der Hund einen unerlaubten Fluchtversuch startet“, erklärt Nadin Matthews.

Übung für Fortgeschrittene: Den Hund von einem flüchtenden Reiz (Hase, Kaninchen, Reh usw.) abzurufen, gelingt längst nicht jedem Hundeführer und ist mit viel Arbeit verbunden. Die Hasenzugmaschine bietet sich zu Trainingszwecken an.

Eine andere Variante, um mit dem Welpen das Aushalten von unliebsamen Situationen zu trainieren, ist der Pansenstangen-Test: Der Welpe bekommt dazu eine Pansenstange und darf, im Beisein seines Hundeführers, auf dieser herumkauen. Damit er sich mit der „Beute“ nicht entfernen kann, sollte er auf jeden Fall angeleint werden (für einen Hund wäre es durchaus normal, sich mit der Pansenstange zu entfernen, um diese an einem sichern Ort in Ruhe zu fressen). Nun kann er ein paar Minuten fressen und sollte sich dabei durchaus anfassen und streicheln lassen. Knurrt der Welpe zu diesem Zeitpunkt bereits, ist sofortiges Handeln gefragt. Das kann entweder eine angemessene körperliche Reaktion, beispielsweise ein Zwicken in die Seite, oder ein Kommando sein („Aus“) – vorausgesetzt der Hund hat es zuvor gelernt. In einem zweiten Schritt kann der Hundeführer das Ablassen von der Pansenstange gezielt provozieren. Nachdem der Hund ein paar Minuten gefressen hat, erfolgt das Kommando „Aus“. Der Hund sollte jetzt von der Pansenstange ablassen. Tut er das anstandslos, bekommt er die Pansenstange nach einem kurzen Moment wieder. Knurrt oder schnappt er sogar nach seinem Besitzer, erfolgt sofort eine deutliche Antwort auf dieses Verhalten.  „Verteidigt bereits der Welpe seine Pansenstange, so liegt es am Menschen ihm deutlich zu machen, dass er dieses Verhalten nicht duldet. Die Vehemenz und Heftigkeit, mit welcher der Mensch agiert und einwirkt, hängt immer von dem individuellen Hund ab. Pauschalaussagen sind nicht möglich und darüber hinaus sogar gefährlich. Gut wäre, wenn der jeweilige Mensch weiß, was er selbst für ein Typ ist (hektisch, sehr aktiv, ruhig, besonnen usw.) und was für einen Hundetyp er da vor sich hat. Ein Terrier neigt z.B. eher dazu, eine potentielle Beute vehement zu verteidigen, als ein Setter. Ideal ist, wenn die Passung stimmt“, erklärt Nadin Matthews.

Die Intensität ist eine andere

Insgesamt kann man sagen, dass ein Jagdhund viele Dinge viel intensiver lernen muss. Dieser Tatsache müssen sich Jäger, Jagdhundeausbilder und Hundetrainer bewusst sein, wenn sie mit einem Jagdhund arbeiten. „Für einen Jäger ist es z.B. kein Hobby, keine Beschäftigung, mit dem Hund zu apportieren – es ist ein absolutes Muss. Der Jagdgebrauchshund muss finden und sicher bringen, egal wodurch er dabei abgelenkt wird. Daher ist eine gewisse Trainingsintensität unerlässlich“, sagt Monika Schroedter. Das gilt für viele Bereiche, wie z.B. Leinenführigkeit, Standruhe, Schussruhe oder Wildgehorsam.

Die Grundproblem vieler Jagdhunde sind jedoch selten fehlendes Talent oder mangelnde Anlagen, sondern eher ein „zuviel des Guten“. Beispielsweise muss ein Terrier das Beutefangverhalten nicht erst lernen, er kann es – es steckt in ihm, von Geburt an. Diese Anlage muss daher nicht schon im Welpenalter gefördert werden. Für einen Terrier wäre es viel wichtiger zu lernen, einen Bewegungsreiz auch aushalten zu können und eben nicht alles zu packen, was sich bewegt. Ein gekonntes Reizangeltraining kann da sehr wertvoll sein. „Jagdhunde müssen lernen, das, wofür sie gezüchtet wurden nur dann zu zeigen, wenn der Jäger es möchte. Das ist für einen hoch passionierten Hund nicht einfach. Umso wichtiger ist es daher, dass der Hund lernt, etwas nicht zu tun. Letztendlich geht es darum, die vorhandene Genetik in die richtigen Bahnen zu lenken“, erklärt Monika Schroedter.

Sozialkontakte zu anderen Hunden sind wichtig, das gilt für Jagdhunde und alle andern Hunde.

Wann kann ein Hundetrainer helfen, wann nicht

 Das Seminar hat eindeutig gezeigt, dass Jäger, Jagdhundeausbilder und Hundetrainer durchaus voneinander profitieren können. Natürlich gibt es Bereiche, in denen der Hundetrainer nicht helfen kann. Alles was an Reviere, Jagdschein und den Wildkontakt geknüpft ist, kann der Hundetrainer nicht leisten, es sei denn, er ist selbst Jäger und kann sein eigenes Revier dafür nutzen. Tatsache ist, dass es viele und viele gute Jagdhundeausbilder gibt. Die Ausbildungsarten unterscheiden sich mitunter jedoch sehr. Letztendlich hat ja aber jeder die freie Wahl, zu dem einen oder anderen zu gehen. Das Ziel, dass der Jagdhund die Brauchbarkeitsprüfung besteht, erreichen sie fast alle – nur eben auf verschiedenen Wegen. In einem Ausbildungskurs der Jägerschaft, der ehrenamtlich in der Freizeit abgehalten wir, hat aber kein Ausbilder die Zeit, sich um echte Problemfälle zu kümmern, manche verfügen auch nicht über die notwendigen Kenntnisse. Und da ist der Ansatz: „Ich wünsche mir eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Jagdhundeausbildern und guten Hundetrainern. Zum Wohle der Hunde, der Jagd und vor allem der Hundebesitzer“, beschließt Monika Schrodter das Seminar. Und auch Nadin Matthews wünscht sich für die Zukunft, dass Hundetrainer offener auf Jagdhundeausbilder zugehen und ihre Zusammenarbeit anbieten. „Gewinner wären in erster Linie die Hunde. Und das wäre doch toll.“

 

 

 

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