Wie lernt der Hund?

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Eine Kokosnuss zu öffnen ist gar nicht so einfach. Aber auch das kann ein Hund durch Nachahmung oder Beobachtung lernen.

Als hoch entwickelte Säugetiere besitzen Hunde ein ausgeprägtes Lernvermögen und eine enorme Anpassungsfähigkeit. Welche unterschiedlichen Formen des Lernens gibt es und was sollte ein Hund Lernen, damit er unserer heutigen Gesellschaft ein hundgerechtes Leben führen kann?

Lernen und lernähnliche Prozesse

An der Erklärung des Begriffes „Lernen“ haben sich im Laufe der der Jahre viele Biologen und Psychologen versucht. Dennoch haben alle Definitionen Eines gemeinsam: Sie beschreiben Lernen als eine Verhaltensänderung basierend auf Erfahrung. Für die Unterscheidung zwischen „Lernen“ und „lernähnlichen Prozessen“ müssen jedoch für das Lernen eindeutige Charakteristika festgelegt werden, die eine solche Einteilung ermöglichen. Zu diesem Zwecke wird „Lernen“ definiert als a) Informationserwerb durch Wiederholung, b) verbunden mit positiven und negativen Konsequenzen, die zu einer Verhaltensänderung führen, c) was prinzipiell während des ganzen Lebens möglich ist d) und reversibel ist, was bedeutet, dass Erlerntes wieder vergessen werden kann. Alle Lernprozesse, auf welche die genannten Punkte nicht zutreffen, werden als „lernähnliche Prozesse“ bezeichnet. Darunter fallen beispielsweise Vorgänge wie Reifung, Prägung, und Habituation (Gewöhnung).

Bei der Prägung erfolgt die Informationsspeicherung nur in einem bestimmten Lebensabschnitt, nämlich in der „sensiblen Phase“. Die einmalige Darbietung des Prägungsobjektes reicht, es gibt keine unmittelbaren Konsequenzen und die geprägte Information ist weitestgehend irreversibel. Verhaltensweisen, die durch Reifung zustande kommen, sind unabhängig von jeglicher Erfahrung oder Konsequenz, sind also nicht als „erworben“ anzusehen. Und die Habituation tritt nur aufgrund der fehlenden Konsequenzen auf eine Reaktion hin ein. Somit ist die Verhaltensänderung aufgrund von Gewöhnung nach obiger Definition ebenfalls kein „echter“ Lernprozess.

Was und wie viel ein Hund lernen kann, hängt letztendlich von der Lerndisposition ab. Man unterscheidet angeborene, erworbene und aktuelle Lerndisposition. Das Zusammenwirken aller drei Formen setzt die Grenzen dafür, was ein Tier aufgrund seiner Erbanlagen, seiner Vorgeschichte und seiner Tagesverfassung imstande ist, zu lernen. Genetisch bedingte Eigenschaften, die ein Tier für eine Lernaufgabe disponieren, bezeichnet man als angeborene Lerndisposition. Durch diese sind dem Organismus nicht überschreitbare Grenzen bezüglich seiner Lernfähigkeit gesetzt. Neben dem Bewegungsapparat ist der Sinnesapparat ein weiterer wesentlicher genetischer Dispositionsfaktor eines Tieres. So hat der Hund beispielsweise eine ausgezeichnete Lerndisposition zum Auffinden von Geruchsspuren. Die Lerndisposition steht im engen Zusammenhang mit dem Lebensraum und dem natürlichen Verhalten dieser Art. Auch rassespezifische Unterschiede in der Lerndisposition sind feststellbar.

 Sich in der Gruppe sozial adäquat zu verhalten ist für einen Hund wichtiger, als Sitz, Platz und Fuß zu können.

Formen des Lernens

Man unterscheidet zwischen verschiedenen Formen des Lernens. Zunächst gibt es die grundsätzliche Einteilung in obligatorisches, bzw. fakultatives Lernen. Alle Lernvorgänge sind in eine dieser Kategorien einzuordnen. Darüber hinaus unterscheidet man Lernformen nach den Umständen, unter denen gelernt wird, und den inneren und äußeren Zusammenhängen, die zum Lernerfolg führen. Die verschiedenen Lernformen stehen zwar in klarer Abgrenzung zueinander, treten bei komplizierten Lernvorgängen jedoch selten einzeln auf. Häufig sind es Mischformen bzw. ein Zusammenspiel mehrerer Lernarten, die zum gewünschten Lernerfolg führen.

Obligatorisches Lernen ist ein Lernen, welches für das Überleben des Individuums unbedingt notwendig ist. Die meisten angeborenen Verhaltensmuster werden durch Lernprozesse verfeinert und auf spezifische Eigenschaften des Lebensraumes abgestimmt. Dieses Lernen erfolgt bei einem jungen Hund vor allem im Rahmen des Spielverhaltens. Der Welpe lernt im Spiel mit den Geschwistern nicht nur die Beißhemmung, sondern auch wichtige Verhaltensketten aus dem Jagd- oder Sexualverhalten, sowie die feinen Strukturen der innerartlichen Kommunikation.

Fakultatives Lernen ist, komplementär zum obligatorischen Lernen, ein Lernen, das nicht unbedingt für das Überleben notwendig ist. Sämtliche Dressurkunsttücke sind hier einzuordnen.

Latentes Lernen ist Lernen, welches ohne erkennbaren Grund und ohne Motivation auftritt. Es ist außerdem ein Lernen ohne Verstärkung, das sich deswegen zunächst nicht merkbar manifestiert. Kommt es jedoch zu einer bewussten Verstärkung dieses Lernens, wird der Lernfortschritt deutlich sichtbar. Aus diesem deutlichen Lernfortschritt kann man schließen, dass schon vorher ein Lernprozess stattgefunden hat, der jedoch latent bleibt, bis der Verstärker ihn hervorholt.

Kinästhetisches Lernen ist ein Lernen durch Bewegungswahrnehmung bzw. das Lernen von Bewegungsabläufen. Will man einem Hund beispielsweise das Kommando „Sitz“ per kinästhetischem Lernen beibringen, so drückt man den Hintern des Hundes nach unten während man das Kommando spricht. Nach einigen Durchgängen wird der Hund das Wort „Sitz“ mit der zunächst passiv ausgeführten Bewegung nach unten assoziieren und wird diese dann nach kurzer Zeit aktiv ausführen, wenn er das Kommando hört.

Operantes Lernen ist ein Lernen, welches die Veränderung bestimmter Verhaltensweisen bewirkt, und zwar durch die Verknüpfung von Situationsgegebenheiten mit den Auswirkungen dieser Verhaltensweisen (Belohnung oder Bestrafung). Sämtliche Lernprozesse, die in den Lernsituationen Klassische Konditionierung und instrumentelle Konditionierung ablaufen, sind hier einzuordnen. Dies sind das Lernen von bedingten Reflexen bei der klassischen, sowie das Lernen von bedingter Aktion, bedingter Appetenz, bedingter Aversion und bedingter Hemmung bei der operanten oder der instrumentellen Konditionierung.

 

Hunde sind intelligent und lernen sehr schnell, wie sie sich einen Vorteil verschaffen können – und das nicht nur gegenüber anderen Hunden.

Lernen fürs Leben oder die Bedeutung des sozialen Lernens – ein Gedankenaustausch mit Michael Grewe

Immer noch weit verbreitet ist die Ansicht, dass Hunde in erster Linie Sitz, Platz und Fuß lernen müssen. Hunde, die diese Formalien beherrschen, gelten als gut erzogen und alltagstauglich. Leider wird das soziale Lernen dabei häufig vernachlässigt oder ganz in den Hintergrund geschoben. Das ist fatal, da sich die hundliche Lernmotivation in erster Linie von ihrer Bindungsbereitschaft an ihre soziale Gruppe herleitet. Folglich ist es besonders wichtig, dass der Hund lernt, sich in der Gruppe sozial adäquat zu verhalten und sich am notwendigen souveränen Status des Menschen zu orientieren. Und zum souveränen Status eines Menschen gehört die gelegentliche Begrenzung des Hundes genau so dazu wie der behutsame Umgang mit ihm. Michael Grewe weiß um die Komplexität der Beziehung zwischen Mensch und Hund auf der einen Seite und um die Einfachheit des Lernens auf der andern Seite. „Jeder Hundehalter sollte wissen, dass das Lernen und die Erziehung eines Hundes nicht nur über das Prinzip der Belohnung funktionieren kann. Sicherlich gibt es Hunde, bei denen man zu einem sehr großen Teil über Belohnung argumentieren kann, aber das ist eher selten“, sagt Michael Grewe deutlich. „Über Futter und Belohnung kann man jungen Hunden formale Lerninhalte wie Sitz, Platz und Fuß beibringen, das ist legitim und hat auch seine Berechtigung. Spätestens jedoch, wenn der junge Hund erwachsen wird, findet ein Wechsel statt. Dann geht es vordergründig um soziale und nicht mehr um formale Lerninhalte. Diesen Transfer muss der Hundehalter erkennen und umsetzen können“, erklärt der Mitbegründer von CANIS, dem Zentrum für Kynologie in Deutschland. „Hunde beginnen früher oder später Fragen zu stellen: Muss ich das jetzt wirklich tun? Wie soll ich in dieser Situation reagieren? Bist Du wirklich der Chef? Kann ich Dir vertrauen und kann ich mich auf Dich verlassen? Diese Fragen muss der Mensch beantworten können. Soziale Mechanismen lernt der Hund niemals über Futter, sondern immer über einen authentischen Besitzer“, gibt Michael Grewe unmissverständlich zu verstehen. „Die Erziehung von Hunden ist ein hoch-soziales Thema, da gehören Gefühle auch mit dazu – im Positiven wie im Negativen. Umso schlimmer ist es daher auch, dass viele Hundetrainer das immer gleiche, lerntheoretisch saubere Durchkonditionieren eines Hundes predigen. Das ist absolut Beziehungslos und geht am wirklichen Leben vorbei“, meint der engagierte Hundetrainer. „Der Hund kann nur über seinen Besitzer lernen, was richtig und was falsch ist. Hilfsmittel, wie Bälle oder Futter sind nur Um- oder Ablenkungsmaßnahmen und kreieren beziehungslose Abhängigkeiten. Der Hund lernt so nicht, seinen Besitzer zu respektieren und sich an ihm zu orientieren“, fährt Michael Grewe fort. „Hunde haben durch ihr soziales Lernvermögen eine ausgeprägte Anpassungsfähigkeit. Dies bietet vielfältige Möglichkeiten für ganz individuelle Mensch-Hund-Beziehungen. Ich würde mir wünschen, dass Hundebesitzer das erkennen und ihren Hund als das sehen, was er ist: Ein hoch-soziales Lebewesen, mit Rechten und Bedürfnissen, die es zu achten und zu erfüllen gilt“, beschließt Michael Grewe seine Ausführungen.

 

 

 

 

 

 

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One Response

  1. Anja Brüwer 10. August 2012 um 11:39

    Zum “Gedankenaustausch mit Michael Grewe”:

    Wie schön, daß das endlich jemand klar, offen und öffentlich ausspricht.
    Es wäre wirklich wünschenswert, wenn dieses eigentlich uralte Wissen viele Hundehalter
    lesen, verstehen und beherzigen würden.
    Ebenso natürlich Betreiber von Hundeschulen, etc….

    Das Leben mit Hund kann so herrlich unkompliziert sein

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