Emotionen – machen das Leben erst lebendig!

geschrieben am von , Verhalten & Wissenschaft

Freude

„Die deutsche Mannschaft setzt sich in diesem Jahr wie folgt zusammen: Britische Rassen: Pointerhündin Rena von der Postschwaige, Eigentümer: U. Werchau, Führer: J. Esser….“. Ja, so war es wirklich, Mitte Oktober in Ingelheim. Mit Rena habe ich mich für die diesjährige Weltjagdmeisterschaft in Frankreich qualifiziert. Was Rena zu diesem Zeitpunkt noch nicht berührt, löst bei mir große Freude und ein flaues Gefühl im Magen aus. Beides gleichzeitig. Immer wieder lese ich diese Ankündigung, bis ich es wirklich verstanden habe: Rena und ich fahren nach Frankreich und werden auf der Weltjagdmeisterschaft für Deutschland starten. Während ich von Tag zu Tag immer aufgeregter werde, ist Rena die Ruhe selbst. Sie kann was dort verlangt wird, das weiß ich. Die letzten Tage vor der WM trainiere ich noch ein bisschen, alles klappt prima. Rena zeigt eine hervorragende Suche, apportiert zuverlässig und arbeitet für mich und mit mir, wir zwei sind ein gutes Team. Renas Ruhe überträgt sich wundersamer Weise auf mich, auch ich entspanne mich und fühle mich gut.

Morgens in Cazalis, kurz vor Prüfungsbeginn: Angespannte Nerven bei Mensch und Hund.

Während der langen Autofahrt nach Frankreich gehe ich alle Eventualitäten noch einmal durch und bin mir plötzlich ganz sicher, dass alles gut laufen wird. Mein Kopf sagt mir, dass Rena und ich fleißig trainiert haben und den Prüfungsaufgaben gewachsen sind. Kaum bin ich in Frankreich angekommen, hilft mir mein Kopf plötzlich nicht mehr weiter. Am Treffpunkt in Cazalis erwartet mich die Wirklichkeit: Profiführer, also Menschen, die mit der Ausbildung und dem Training von Jagdhunden ihren Lebensunterhalt verdienen, dreifache Weltmeister und engagierte Amateure. Alle sind sie meine Konkurrenten. Nun werde ich doch nervös, das flaue Gefühl im Magen ist plötzlich wieder da. Von meiner während der Fahrt aufgebauten Gelassenheit ist nichts mehr zu spüren. Eine Achterbahn der Gefühle beginnt. Als es dann raus zur Mannschaftsvorstellung geht, ist auch Rena aufgeregt: viele Hunde, viele Menschen – Rena weiß, worum es hier geht. Schließlich ist sie hier der „alte Prüfungshase“, nicht ich.

Entspannte Aufmerksamkeit.

Am Abend vor dem ersten Prüfungstag wird die Zusammenstellung der Prüfungspaare ausgelost und anschließend begannt gegeben. Mein Partner – oder eher Konkurrent – ist ein Däne. Ich kenne ich nicht, was vielleicht auch besser so ist. Was meinen Adrenalinspiegel allerdings schlagartig nach oben schnellen lässt ist die Tatsache, dass mein Prüfungsgang der allererste ist. Ich kann mir also weder ein bis zwei Prüfungsgänge vorher ansehen, noch kann ich mich langsam an diese WM heran tasten. Ab ins kalte Wasser. Vergeblich versuche ich mir zu sagen, dass der erste Prüfungsgang doch perfekt ist: die Temperaturen sind noch angenehm, das Wild hat sich noch nicht in die letzten Winkel verzogen, die Richter sind noch frisch und wohlgelaunt und ich habe es schnell hinter mir und kann mich danach entspannen. Doch all diese guten Argumente helfen nichts. Ich bin aufgeregt und mache nachts kein Auge zu.

Am nächsten Morgen geht dann alles ganz schnell, so dass ich nicht viel Zeit habe, aufgeregt zu sein. Kaum hat die Prüfung begonnen, ist auch der Rest meiner Aufregung verflogen. Ich konzentriere mich auf Rena, das Prüfungsgelände, meinen Prüfungspartner und auf die Richter. Auch wenn keiner der Hunde Wild findet, so ist der Prüfungsgang doch gelungen und der Richter bedankt sich bei mir für diese schöne Präsentation. Ich freue mich unglaublich und bin stolz auf Rena und auf mich. Viel besser hätte es nicht laufen können.

Die Schieflage des zweiten Prüfungstages beginnt bereits am frühen Morgen. Mein Partner bzw. Konkurrent ist ein italienischer Profiführer, der Chefrichter dieser Prüfung ist ebenfalls Italiener und für den „Zusammenhalt“ mit seinen Landsleuten bekannt. Schon vor der Prüfung sagen mir alle, dass das nix werden kann, dass der Italiener den Punkt machen wird, so oder so. Mit diesem Wissen gehe ich in die Prüfung und bin bereits vor dem Start angespannt, was sich prompt auf Rena überträgt. Sie zappelt an der Leine, zieht dann stoisch ein Stück nach vorne und scheint mich komplett zu ignorieren. Die Prüfung beginnt und alles läuft zunächst glatt, bis wir an einen Graben kommen, den beide Hunde zum gleichen Zeitpunkt erreichen. Hinter den Graben streicht ein Fasan ab, der Italiener schreit „Punto, Punto“, obwohl sein Hund definitiv keinen Punkt gemacht hat – er steht im Graben und schnüffelt mit hängendem Kopf am Boden herum. Rena ist derweil im dichten Unterholz verschwunden, ihre Glocke ist nicht zu hören, sie steht also vor. Der Italienische Chefrichter tutet die Prüfung jedoch ab und ich bekomme die Order, meinen Hund zu suchen. Das Dilemma ist aber, dass der Farn meterhoch ist und ich Rena nicht sehen kann. Und da ich keine Glocke höre ist davon auszugehen, dass sie einen Fasan gefunden hat. Ich suche und pfeife – keine Rena. Nach einer gefühlten Ewigkeit winkt mich ein Schütze heran, Rena kommt aus einer ganz anderen Ecke des Geländes zurück. Der Italiener bekommt „Restzeit“, ich muss das Feld räumen. Jetzt ist mir eher zum Heulen zumute, freuen kann ich mich nicht wirklich. Und auch Rena macht einen verwirrten Eindruck. Ganz so als wüsste sie, dass hier etwas gar nicht rund gelaufen ist. Ich bin enttäuscht und traurig.

Nervosität und Anspannung.

Diese Enttäuschung schlägt wenig später in Ärger und Wut um, als mir ein Norweger von seinem Prüfungsgang berichtet, der meinen scheinbar sehr ähnlich war  – er hatte die „Restzeit“ mit dem Italiener und interessanter Weise einen ähnlichen Prüfungsablauf: Start, eine kurze Suche, das mir bekannte „Punto, Punto-Geschreie“ des Italieners, das Abtuten der Prüfung, obwohl sein Hund ebenfalls in uneinsichtigem Gelände vorstand und das Weiterkommen des Italieners. Zufälle gibt’s… Der Norweger ist, im Gegensatz zu mir, so wütend, dass es sich beim Richterkomitee über den Chefrichter beschwert und dessen Qualifikation und Objektivität in Frage stellt. Ich finde das richtig und mutig und fühle mich gleich besser. Das „besser fühlen“ bedeutet gleichzeitig, dass ich ruhiger werde. Rena auch. Das nenne ich Stimmungsübertragung, wie sie im Buche steht.

Auch wenn Rena und ich letztendlich keine Weltmeister geworden sind, haben wir doch gute Leistungen gezeigt, mit denen ich zufrieden bin. Was meine Emotionen betrifft, so war diese Weltmeisterschaft eine Achterbahn der Gefühle. Von Freude, über Angst, Unsicherheit, Wut, Enttäuschung, Ausgelassenheit, Zufriedenheit bis hin zum Glücklich sein war alles dabei. Viele dieser Gefühle haben sich auf Rena übertragen – und auf meine anderen Hunde. Sie mussten meine Gefühle und Stimmungsschwankungen an diesem Wochenende ertragen, mit ihnen umgehen und das Beste daraus machen. Nicht einfach, nicht fair? Emotional stabil war ich an diesem Wochenende nicht, vielleicht wirklich manchmal unfair, weil es schnell gehen musste, ich keine Zeit hatte und einen meiner Hunde dadurch ungerecht behandelt habe, weil es nur um Rena ging, weil die Rückfahrt ewig gedauert hat (ein Stau nach dem anderen), weil ich ihnen allen ein „bisschen Frankreich gegönnt“ hätte, lange Spaziergänge durch ausgedehnte Kiefernwälder. So war es aber nicht – und das hat mich ein paar Tränen gekostet, das gebe ich ehrlich zu. Nicht deshalb, weil es mal ein paar Tage kein Hundeparadies mit Vollverpflegung gab, sondern weil meine Hunde diese Achterbahn der Gefühle mitgefahren sind, es auch gar nicht anders hätten machen können und ich dafür verantwortlich bin – für ihr Glück, für ihre Achterbahn und für ihre Möglichkeiten, ihre Gefühle ausleben zu können. Ich bin für ihr Lebensglück und dessen Möglichkeiten und Grenzen verantwortlich, ich beeinflusse ihre Emotionen maßgeblich und es liegt eindeutig in meiner Verantwortung und Verpflichtung, ihren Emotionen und Gefühlen Rechenschaft zu tragen und gerecht zu werden. Das mache ich mir jeden Tag aufs Neue bewusst und ich hoffe, dass ich damit nicht alleine bin!

7 Responses

  1. Susanne 23. Juni 2012 um 17:53

    Ganz toll Johanna, habe den Artikel teils mit Gänsehaut, teils mit Tränen in den Augen gelesen. Ich kann genau nachvollziehen wie du dich gefühlt hast. Weiter so. ;-)

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